mITTELALTERSMÜDIGKEIT

„Ach komm! Nur für ein Stündchen. Die andern sind auch da und du musst ja auch nicht mit zum Kiez… Vorsaufen reicht doch… gib dir nen Ruck und schmeiss dir was über!“ appelliert die gute Freundin am Telefon. BH-los, haltlos, kraftlos liege ich im Bett. 19:30h TV läuft bereits. Es ist Freitag vor 10 Jahren und ich habe null Bock noch loszugehen. Denke ich. Sage ich. Und als ich es ausgesprochen habe, winkt ein kleines Verpass-bloß-nix in mir. Sollte ich mich nicht doch noch kurz in das Kleid, die Boots und den Pudertopf schmeißen. Man muss die Feste Feiern wie sie anrufen, oder? Es kribbelt irgendwie in den Ohren. Oder ist es nur das unangenehme Geräusch aus der Nachbarwohnung. Die Gute hat Männerbesuch und immer noch diesen schrecklich knarzigen Sessel. Auf dem lässt sie sich durch die ganze Wohnung – schiebend – begeistern. Wenn ihr versteht was ich meine. Das Treiben im Bett ist nicht besser. Dann quietscht es doppelt. Ein fröhliches „Kommste nun mit?“ tönt durch den Hörer. „Ja!“ antworte ich sofort! Kein Zögern mehr. Ich gehe aus. Treffe Freunde. Esse Döner. Tanze wild. Singe laut. Mache Fremde zu Bekannten und Bekannte zu Freunde. Ein Kneipenbummel bis in die Morgenstunden. Wie weit weg erscheint mir das jetzt 🙈🙃 Galaxien! ABER: Corona ist da ausnahmsweise mal nicht der Grund 😂 ja, könnte man meinen. Ich bin schlicht viel zu müde. Ich hab die MittelAltersMüdigkeit. Keine Ahnung, ob es sowas gibt. Aber ich hab das 😂😂🙈 Heute würde ich liegenbleiben und den Sessel anfeuern ☺️

wIEDERHOLUNG

„Ich zieh den einfach aus dem Karton und fertig. Die Kerzen sind doch noch gut.“ Ich bin perplex. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Auf meine Frage nach der Trendfarbe des diesjährigen Weihnachtszaubers hatte ich von meiner dekobegeisterten Freundin einen ausführlichen Shoppingbericht erwartet. Stattdessen benutzt sie einfach den selben Adventskranz wie im vergangenen Jahr. Also, nicht nur den Untergrund, sondern auch die Zündware. Bevor ich mich entscheide zu Lachen oder zu Weinen, ergänzt sie schmerzhaft pragmatisch: „Ich kann die Kerzen ja einfach rückwärts anzünden. Also, die vom vierten Advent 2020, wird die zum ersten Advent 2021.“ Ok, ich heule vor Lachen. Das habe ich noch nie gehört. Aber es sagt so viel aus über das kommende Weihnachtsfest. Wir sitzen in einer Zeitschleife fest. Wiederholung! In dem Wort steckt zwar ‚Erholung‘. Aber die sehe ich gerade nicht. Die Lage ist mehr als undurchsichtig. Lockdown-Light, Quarantäne, 2G, 3G, Booster hin, Botox her. Da bleibt nur hysterisches Grunzen! Umso mehr braucht man Menschen, die einen so herrlich zum Gackern bringen. Wie heute beim Telefonieren mit der Freundin. Danke dafür! 💛

oUTFIT

Der Alltag schreibt die besten Anekdoten. Und jede Begegnung bringt uns doch ein Stück weiter. Nur wohin?! Das weiss keiner 😉 Ich heute auch nicht…Rückblende: Ich sitze gerade mit Kleinkind auf dem Schoß in einer Eisdiele und schlürfe Stracciatella-Eis. Ein älteres Pärchen setzt sich an den Nebentisch und beginnt direkt mit Smalltalk. Wetter, Eis, Laubanhäufungen gemixt mit Kommentaren zum Knuddelfaktor vom Zwerg. Wir plaudern uns so durch die Eisbecher, alles sehr nett. Ich geh kurz zur Kellnerin zum Bezahlen und dann kommt der Satz der Sätze von der Dame: „Guck mal Süßer, da kommt deine Omi wieder!“ Ähm… wie bitte?! Sie meint MICH! Gottseidank trage ich eine Maske, denn mir entgleitet jegliche Mimik. Sie denkt, dass ich die Omi bin?! Das hatte ich noch nie. Kurzer Realitätscheck: sie trinkt Aperol Spritz um 16h. Zur Winterzeit absolut denkbar, da früh dunkel und so. Und eh Pandemie, da gibt es immer Gründe. Alkohol wird keine Erklärung sein. Und dann fällt es mir wie Schuppen von meinen Hirnzellen: mein Outfit! Leoleggings, Dutt, Trenchcoat, grelle Nägel… ich könnte alles sein… je nach Viertel. Von fashionfreudiger Mutti aus Ottensen bis zur fashionfaulen Omi aus Pinneberg. Es steckt einfach in den Details 🤣

aLLTAG

Nach dem Urlaub ist vor dem Alltag! So fühlt es sich an. Und es fühlt sich gut an. Wir hatten zwei famose Wochen hier an der Küste und jetzt freu ich mich auf mein Bett, meine Kaffeemaschine, meinen Schreibtisch, meine ToDos – ich freu mich auf meinen Alltag. Das ist doch das beste, was einem passieren kann. Man fiebert einer Auszeit entgegen und vermisst irgendwann auch wieder sein Zuhause. Tschö lieber Urlaubsmodus, wir fühlen uns bald wieder! ☺️😎

dRUCK mICH mAL

Die Aussage trifft es nicht. Dieses Bild ist ein „Kommt selten vor“. Ich lese fast nie. Ich kaufe Zeitschriften, kaufe Bücher und sie dienen als Ablage fürs Handy, für die Tasse Kaffee oder die Brille. Dabei nehme ich es mir immer wieder aufs neue vor: Dieses Exemplar liest du jetzt aber wirklich! Verdammt nochmal. Druck macht Druck und irgendwie kommt immer was dazwischen. Ja, und dann wird aus dem Haufen Haben-Wollen ein Haufen Altpapier. Eigentlich. Denn da landen die wenigsten. Mein kaufinteressiertes Herz erlaubt kein schlechtes Gefühl in dieser Sache. Du liest die bestimmt noch, flüstert es vielmehr und legitimiert damit diesen Fehlkauf. Und jetzt sitze ich hier. Im Urlaub. Trinke Wein und lese gleich zwei Zeitschriften, die mir von meiner lieben Schwiegermutti und meiner LieblingsGedankenTeilerin in die Reisetasche gepackt wurden. Herrlich. So fühlt sich das also an, wenn etwas ausgelesen wird! 🧡

p(L)ACKEREI

Meine WetterApp ist wie ein Aktienkurs. Nur leider auf Talfahrt. Regen, egal wie oft ich aktualisiere. Dabei war die Aktie „Sommer im August“ doch verdammt vielversprechend. Egal, Gummelstiefel* eingepackt, raus aus dem Wusel, rein in den Wusel! Ja, es bleibt chaotisch. Bevor das ersehnte Urlaubsgefühl eingeschenkt wird, müssen Körper und Geist noch schwitzen. Packen, Vermitteln, Diskutieren. Warum darf das Unterhemd nicht mit? Warum „nur“ sechs Superhelden? Generell hat sich meine Prozedur der P(l)ackerei vollkommen geändert. Früher wurde alles Probe getragen und vorm Spiegel gecheckt. Anteil Fashion/Feinripp so 70/30. Größter Part im Koffer auf jeden Fall die Kosmetik mit 99 Gesichtern zum NachSchminken. Heute verstaue ich Duschzeug zwischen Baumwolle ohne Spitze. Jep. Gut eingepackt muss der Körper sein, damit man sich beim Hinterherlaufen der Chaoten nicht komplett blank macht und bequem, dass man auch nach der Pizza noch atmet. Die Ansprüche machen einen Wandel durch! Gottseidank. Wenn ich an die schmerzenden Füße denke oder die Jeans, die eine Stehhose blieb – jedem speckigen Widerstand zum Trotz. Es hat doch alles auch sein Gutes. Heute habe ich auch endlich mal die richtigen Outfits für das Shietwetter – wasserdicht, winddicht, atmungsaktiv! Könnte auch ein Motto für den Urlaub werden 😂 Ich sags euch, ich werde dazu noch unglaublich pragmatisch und packe den Selbstbräuner ein 😎

*(so bezeichnet Muckel II sie und wir neuerdings auch)

oTTO

Mein erstes Mal hatte ich mit Otto. Ja, jetzt ist es raus. Und es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Rückblick: Eine lange Schlange hatte sich schon durch die Fußgängerzone gebildet. Zappelig hüpfte ich zwischen den Leuten hin und her. Warten war nicht so mein Ding. Endlich, die Tür wurde aufgesperrt und das erste, was ich wahrnahm war dieser unglaublich geile Geruch. Popcorn! Hatte ich vorher noch nie gegessen und ich klebte natürlich direkt an der Scheibe des ploppenden Automaten. Eine Hypnose hätte nicht zielführender sein können. Ich wollte direkt die größte Portion, die geht!

Meine Brüder waren schon Profis in Sachen Foyer und wussten genau, wie das hier läuft. Schaukasten anschauen, Tickets kaufen, Naschkram aussuchen, die besten Plätze sichern, Film mit Möchtegernwissen anteasern, auf „Like ice in the sunshine“ warten und hoffen, dass es noch Eiskonfekt gibt. Ich war vollkommen neu. Mein erstes Mal Kino. Mein erstes Mal Otto. Die Leinwand war gigantisch. Ich musste meinen Kopf immer nach links und rechts bewegen. Wie bei einem Tennisturnier. Und ich habe bei den Blödeleien so heftig Lachen müssen, dass meine Fanta mehrmals durch die Nase geschossen ist. Zur Freude meiner Brüder. Mein Papa war schon lange nicht mehr anwesend. Der ist mitten im Film eingeschlafen und schnarchte gemütlich im roten Samt. Unvorstellbar als Kind. Heute, über 30 Jahre und zwei Kinder später, weiß ich genau, wie entspannend das weiche Dunkel sein kann.

Lieber Otto, du hast meine Freude an dem Medium Kino mitbegründet. Dankeschön dafür! Und ganz nebenbei: Alles Gute zu deinem Geburtstag! Wir sehen uns wieder im Kino…

©Tobis StudioCanal GmbH & Co. KG

pOTATO

Darf ich vorstellen: Mr. Kartoffel! Gezüchtet aus Tanning Drops und pandemischer Neugier. Mal sehen wie lange dieser Fleck mich begleitet. Er erhellt auf jeden Fall mein Gemüt! Silbershampoo, Saftkur, Selbstbräuner… So experimentierfreudig war ich zuletzt mit jungen 16 Jahren. Weißer Kajal, roter Lidschatten und Filzhaare made with Zuckerwasser. Da war verdammt viel Spielraum vorm Spiegel. Und manchmal hat man seinen Mut am nächsten Morgen im Schulbus schon wieder bereut. Vielleicht sollte man die Schultoiletten vorsorglich mit Abschminktüchern ausstatten – oder doch gleich mit einer Zeitmaschine. Schämen muss man sich aber nicht. Wir waren ja alle auf der Suche nach uns selbst und der passenden Verkleidung. Jetzt fühlt es sich irgendwie ähnlich an. Dank Homesitting und den 40ern kommt wohl die nächste Pubertät! Hello again! Auf jeden Fall mit einem Hauch mehr Chanel statt Schlecker 😂

sPLEENS

„Da nervt immer noch was!“ Ich überhöre das, obwohl ich genau weiß, dass es nur eine Verzögerung des notwendigen Handelns darstellt. „MAMA, es nervt was!“ brüllt der Nachwuchs durchs Dunkel. Ein Gorilla wäre kaum leiser. Ein Dschungel kaum erstrebenswerter. 21:47 Uhr. Genau die richtige Uhrzeit für eine Diskussion in Sachen Maniküre bei Kindern. Licht an. Augen wachgebrannt. Ich schneide zum vierten Mal seinen Daumennagel. Kürzer geht nicht. Feilen wurde für doof befunden. Sein kritischer Blick wiegt schwer auf meiner müden Hand. Dann folgt der obligatorische Fingerwisch und das Kratzen auf der Matratze. Er lächelt: „Jetzt gehts!“ Puhhh, da hab ich ja noch Glück gehabt. Wer jetzt denkt das Kaliber Kind legt sich nun einfach hin und schläft, ist falsch verwickelt. Es folgt noch das „Wichtigste des Tages in 100 Minuten“. Daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Und während er sich in den Schlaf plappert, denke ich an diese Masse an Spleens in dieser Familie. Wie mit dem Daumennagel, der eine ganz bestimmte Form haben muss. Alle kleinen Köpfe haben hier ganz klare Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat oder wie etwas abläuft. Ich bin manchmal nur der Statist in diesem Theater – eine Art ausführendes Requisit 😉 Zum Glück ist es kein Filmdreh. So können mich die selbsternannten Regisseure nicht einfach rausschneiden. Theater ist immer live und ein wenig neben der Rolle 🧡 In diesem Sinne: Schlaft gut und bis zum nächsten Applaus!