tEMPERAMENTO

  ‚Tuuuuuc Tuuuuc!‘ kreischt es durch die engen Gassen. Sightseeing auf drei Rädern, ohne Verkehrsregeln. Mein Magen vibriert wie in einer Achterbahn. Wild gestikulierend und wie ein Wasserfall quasselnd brettert Juan mit uns über die Schlaglöcher. Neben meinen Innereien habe ich vor allem Mitleid mit dem Tuc Tuc – einem strahlend blauen Piaggio. ‚Made in Italia!‘ schreit er immer wieder begeistert in den Fahrtwind. Ich denke nur ‚Arme Gangschaltung!‘ Ächzend kämpfen wir uns bergauf, bergab und Juan gibt uns eine Kostprobe portugiesischer Lebensart. Eine rote Ampel ist nur ein Angebot, das die Portugiesen mal mehr, mal weniger nutzen. Unser Fahrer beherzigt eindeutig weniger. Ein Zebrastreifen ist ebenfalls nur zur Anschauung und nicht zum gefahrlosen Betreten gedacht. Juan schreit, lacht, schimpft, pfeift, hupt und singt. Alles gleichzeitig! Meine norddeutsche Mentalität ist mit so viel Menschsein vollkommen überfordert. Mein Temperament beschränkt sich auf die Verteidigung meines Essens. Das Barometer der Leidenschaft steigt je nach Fettgehalt der Lebensmittel. Also, Finger weg von meinen Pommes. Während ich noch über kulturelle Unterschiede nachdenke, streitet sich Juan bereits mit dem nächsten Taxifahrer. Es muss tierisch anstrengend sein, sich den ganzen Tag so aufzuregen. Doch drei Autos später grinst Juan schon wieder und flirtet mit einer Brünetten zu unserer Linken. Ich hätte bei dieser hupenden Blechlawine schon einen Herzinfarkt bekommen. Zu viele Emotionen am Steuer! Aber Juan scheint jetzt erst richtig warm zu werden. Tuc Tuc de Temperamento! 

gEILER lÄRM

Kein Ton entkommt mehr der Luke. Wortwörtlich habe ich den Schreihals mit Hirsekringeln still gestopft. Falls ich irgendwann mal gesagt haben sollte, dass man Kinder nicht mit Futter stilllegt – Ich war dumm. An einer zehn Meter langen Schlange einer Supermarktkasse ist einem fast jedes Mittel recht. Guter Dinge stelle ich mich an. Stinker mampft zwar noch, aber die Hände zupfen schon an der scheiss Mütze. Der nächste Bock ist in den Startlöchern. Ich mach mich sicherheitshalber schon mal zum Horst. Man macht sich eigentlich ständig zum Horst. Das habe ich auch schon ohne Kind. Sollte ich mal hinterfragen. Plötzlich lacht sich Stinker vollkommen kaputt. Aber nicht wegen mir. Neben uns in der Schlange fängt ein kleines Mädchen aus voller – nicht vorhandener – Brust an zu singen. Sie ballert einen Song nach dem nächsten raus. Sie trifft keinen Ton und ihren pinken Plastikzauberstab wirbelt sie wie eine Verrückte durch die Luft. Geil! Ich finde die Kleine göttlich. Das ist ihre Bühne. Mit vier Jahren gehört dir noch nicht die Welt, aber der Supermarkt! Alle gucken. Stinker feiert sie total ab und vergisst sogar zu Kauen. Nach und nach fallen Hirsebröckel einfach ungenutzt aus seinem Mund. Was für ein Bild. Ihre Mutter ist wohl kein Fan. Sie starrt derbe genervt ihre Einkäufe an. Also, als Managerin hat sie schon jetzt versagt. Gleich drei ältere Damen drehen sich um und nicken der Kleinen aufmunternd zu. Nur eine frustrierte Frau raunzt etwas unverständliches in die Richtung der Kleinen. Die Mutter reagiert sofort und ermahnt die Kleine ruhig zu sein. Das interessiert die gar nicht. Sie wird nur noch lauter und die Töne noch schiefer. Stinker wippt schon voller Begeisterung mit. Jetzt nimmt die Mutter einen Riegel vom Band und gibt ihn der Kleinen. Tja, Schokolade schlägt Entertainment. Die Kleine pfeffert ihren Zauberstab in den Buggy und futtert. Och nein. Nicht jeder Lärm muss mittels Zucker gedämpft werden! Es gibt doch auch geilen Lärm! Beim Rausgehen sehen wir die Kleine wieder und ich kann mir ein ‚Du hast supertoll gesungen!‘ nicht verkneifen. Die Kleine grinst frech und greift direkt wieder zu ihrem Zauberstab. Juhuuuuu! Und sie wird doch eine Sängerin. Zwar keine gute und besser mit Playback, aber mit verdammt viel Feuer im Arsch!

kAU- oDER kAUFRAUSCH

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Seit einer Woche lungere ich in dem Laden rum. Mittlerweile habe ich drei Verkäuferinnen und deren Lebensgeschichten kennengelernt. Es ist richtig schlimm. Die denken bestimmt, dass ich sie nicht mehr alle habe. Spätestens nach meinem Wunsch mal ein paar Fotos von mir zu machen. Mir geht es dabei weniger um mein Aussehen. Ich sehe noch geschwängert aus. Obwohl der Kleine bald schon Brei bekommt, könnte man annehmen, dass bereits Schreihals zwei in meinem Becken eingeparkt hat. Aber nein. Das ist nur Speck für die kalten Tage. Das nur zum Hintergrund. Bei den Bildern geht es um die Frage: Was macht diese unglaublich geile und unfassbar teure Handtasche für mich?! Ich höre Guidos Worte in meiner Geldbörse klimpern: Eine Menge! Eine Menge! Eine Menge! Sieben Tage war ich also standhaft. Der Muk hat vorsorglich immer im Laden geweint, um mich aus meinem Traum mit dem weichen Leder zu befreien und bloß die Karre weiter zu bewegen. Als ob er mich erinnern wollte: „Du bist nun Mutter! Mütter kaufen sich nicht sündhaft teure Taschen. Sie leimen welche aus Jute und nähen Käfer drauf.“ Scheiße! Dann kam DER Tag. Muk hat so unglaublich viel genölt und man konnte es ihm einfach nicht recht machen. Nach stundenlangem MantraBrummen und Rumfliegen, musste das in einen Kau- oder Kaufrausch enden. Und sind wir ehrlich. Mein Hosenbund schreit eher nach Luft als nach Fettigem. Mir blieb nichts anderes übrig. Aus taktischen Gründen habe ich Muk auch direkt was gekauft. Für das mütterliche Feng Shui und so. Kinder kosten halt Geld. So ist das halt. Herzlich willkommen gefettetes Leder!

dOPPELdEERN

Die können sie ruhig ne Nummer kleiner probieren! Die schlackert ja am Allerwertesten!‘ die Verkäuferin lächelt mich an. ‚Geben Sie mir das schriftlich. Das hänge ich direkt neben meinem Kleiderschrank!‘ erwidere ich geschmeichelt und kläre sie auf ’ne, die Jeans passt. Ich werde bald auseinandergehen wie ein Hefekuchen und dann brauch ich Platz.‘ Sie schaut ziemlich verwirrt und ich ergänze schnell ‚ich bin schwanger!‘ Ihre komplette Mimik verdreht sich. Sie strahlt, als ob sie gerade selbst befruchtet wurde und stammelt Superlative wie gigantisch und grossartig. ‚Ja, toll…, bin auch voll happy!‘ nuschele ich. Die Verkäuferin kriegt sich garnicht mehr ein und zack startet ihr eigener Reality-Monolog über die Geburt ihrer Tochter, den Wehen, den Schmerzen, dem Verlust der Figur, der Pubertät, ihrem nichtsnutzigen Mann. Aber alles sei einmalig. Ich trete den Rückzug in die Umkleide an. Durchatmen! Ich will nur die Hose. Mehr nicht. Lebensgeschichten kriege ich genug im öffentlichen Nahverkehr. Da hat ihr Verkehr nichts zu suchen!
Ich befreie mich von der Jeans und kämpfe mit meinen Brüsten. Selbst ein ungehorsamer Terrier ist schneller in seinem Körbchen. Mein Frausein nimmt ungeahnte Dimensionen an. Hätte ich gewusst das ein wachsender Bauch so viel Aufmerksamkeit erhält, ich hätte eine Taille nie gewollt. Ich dreh mich zur Seite und betrachte das Kunstwerk. Zwischen Bläh-und Babybauch zieht sich eine äquatorähnliche Linie. Wenn man genau hinsieht ergeben sich zwei separate Kugeln. Beide Inhalte wollen raus. Der eine früher als der andere. Das hofft man. Die Realität sieht anders aus. Die Luft bleibt drin! Kein Entkommen. Wenn es wenigstens einen Sinn hätte. Mit Helium gefüllt würde das Laufen zum Beispiel leichter fallen. Bei der Geburt platze ich bestimmt, wenn sich einer eine Kippe ansteckt. Man sollte nicht weiter hinterfragen, warum sich ein Arzt im Kreissaal eine Kippe ansteckt. Phantasie! Während meiner gedanklichen Reise, wagt die Verkäuferin einen weiteren Annäherungsversuch durch den dicken Vorhang ‚Wie weit sind sie denn?‘ Mist! Die Frage der Fragen. Zu unschwanger für eine Kugel und zu schwanger für eine Taille. Ein Dilemma. Meine Antwort fällt kurz aus ‚5. Monat!‘ Ich überreize die Zeitrechnung nur minimal. Was ist schon ein Tag, eine Woche, ein Monat?! Meinem Hormonstatus sind Zeitangaben völlig egal und ich fühle mich mehr als befähigt für eine Notlüge. Um das kosmische Gleichgewicht wieder herzustellen, habe ich die Jeans aber natürlich gekauft. Und das Shirt, die Strickjacke und den Schal! Hormone halt!

sCHLIMMsCHÖN

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Das Ende gleicht dem Anfang. Mittelpunkt sind derzeit nur noch meine Matratze und mein Fernseher. So gesäubert war meine Bude nur beim Einzug. Damals passte mein ganzes Leben in ein Auto. Acht Jahre später passe ich kaum noch in die Wohnung. Sie platzt aus allen Fugen – voller Schätze und Schund. Beides bewahre ich gleichermaßen. Das ist wohl der Fehler. Ich sortiere von links nach rechts und von oben nach unten. Wegschmeißen war keine Option in meinem SingleDasein. Bis jetzt. Denn ein Umzug bewirkt so einiges an EntrümpelungsEnergie. Krass! Und wenn dann noch der zukünftige Mitwohner Mr. Strukturiert ist, muss man agieren. Säckeweise habe ich also den Krempel entzaubert und seinem Schiksal in der Mülltonne überlassen.
Nun sitz ich hier und blicke auf kahle Wände. Selbst der Tastenanschlag scheint im Raum zu hallen. Heute ist die letzte Nacht in dieser Bleibe. Wie gerne würde ich darauf nun einen Schlummertrunk nehmen. Aber die vegane Challenge läuft noch bis morgen. Tja. Selber Schuld, junges Fräulein. Vor acht Jahren wäre mir das nicht passiert. Da war ich schon froh, wenn ich montag morgens wieder ausgenüchtert war. Wochenstart geschafft! Da wären 30 Tage ohne Promillometer undenkbar. Und am besten schüttet man sich in Gesellschaft die Gehirnzellen aus dem Schädel. Diese Wände haben dementsprechend so einiges an verschärften, versoffenen und hochgradig verzwickten Frauengespräche gehört. Immer mit einem gehörigen Schuss Selbstironie und professioneller Männerlogik: Er ruft nicht zurück, weil der bestimmt einen Unfall hatte und so mit beiden Armen im Gips keine SMS tippen kann. Klar!!! Er hat bestimmt keine Freundin. Die Alte auf seinem Handy ist seine Schwester. Sichi!!! Er will nicht nur Sex. Er ist eher der emotionale. Genau!!! Ach, das war herrlich. Wir hätten alle locker einen Schein in unserem persönlichen Psychologie-Aufbau-Studium erhalten.
So schwelge ich also noch ein wenig in den alten Anekdoten und Begegnungen: meine Nächte auf der aufblasbaren Matratze mit dem morgendlichen kalten Po-berührt-Boden-Gefühl. Die lieben Tages- und Wochenschläfer in meinem Heim, die meine Ankunft hier so bereichert haben. Der schwule Bäcker, der mir immer das dickste Baguette reichte und mir dann mit einem Augenzwinkern erklärte, dass es nicht nur beim Essen auf das Volumen ankommt. Der fette Kater Fritz, der gerne nächtens Babygeschrei imitierte und das treffsicher vor meinem Fenster. Die Nachbarin, die gerne ihren Sessel beim sexuellen Nahkampf besteigt, um sich dann durchs Wohnzimmer treiben zu lassen. Tja. Da war wenig Spielraum für Phantasie. Altbauwände sind gnadenlos ehrlich!
SchlimmSchön ist das Abschiedsgefühl. Denn demgegenüber ist die Vorfreude auf den NEUbau riesengroß. Mit dicken Wänden statt Weissbrot, fetter Badewanne statt Getier und dem passenden Kaltgetränk in der Hand! Denn dann ist Anstoß … ähm Anprost!

gOLDIG

Kategorie super goldig: Opa und Enkel laden mich ein zum Quiz spielen. Schwierigkeitsniveau Dritte Klasse. Was aber nebensächlich ist, denn es geht um Geografie. Also Niveau Master of Disaster. Nach zwei Stunden Zugfahrt und Milliarden Fragen traut sich der Junge mein blankes Unwissen zu hinterfragen: hattest du kein Erdkunde in deiner Schule? Ich lach: Doch, aber das ist lange her. Er: das merkt man! Der Opa lacht: na, so lange bestimmt auch noch nicht. Und zwinkert mir zu. Der Junge: Da gabs bestimmt kein Geld beim Zeugnis. Ich: Doch! 100 Tacken! Weil ich so super in Textil war. Ich lache. Kein anderer. Noch! Mal sehen, was noch kommt. Gerade winkte der Junge bei der Frage nach nem Bauwerk um 1430 direkt ab und meinte: das kann ich garnicht wissen. Da gabs mich noch nicht! Hörrlich 🙂