Trotz dem Trotzkopf

  
Einer heult immer. Heute heule ich. Ich starre auf das Kopfsteinpflaster vor meinem Auto. Mein Auge tuckert. Der Tritt saß. Ich wäre nun gerne schon drinnen. Ach was, ich wäre gerne schon fünf Kilometer weit weg. Nämlich zu Hause. Das ist aber nicht der Plan von Muckel. Der wütet auf statt in seinem Kindersitz. Anschnallen? Tja, keine Chance. Ich hätte nie gedacht, dass ein zweijähriges Kind schon Superkräfte hat. Das Veilchen unter meinem linken Auge ist der Beweis und wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Auch, wenn es keine Absicht war. Das weiß ich. Die Wimpern wachsen zum Glück nach. Also sitze ich, noch ziemlich benommen, mal neben ihm, mal auf der anderen Seite. Ein Versuch am Lenkrad. Fehlanzeige. Selbst Leo Lausemaus bei einer Lautstärke für Schwerhörige wirkt nicht. MennoMaus! Die Tränen kullern schon – auch bei ihm. Es macht einen so traurig ihn so „daneben“ zu sehen. Ganz neben der Spur. Furchtbar. Ich wurde ja immer vor dieser Phase gewarnt. Jetzt weiß ich warum. Ich habe in den Arm genommen, gesungen, geschimpft, abgelenkt, gedrückt, noch fester gedrückt, ignoriert, diskutiert. Keine Aktion von mir war scheinbar komplett richtig. Das ist so was von frustrierend. Man kriegt im Leben alles irgendwie geregelt und dann steht da so ein Wutzwerg und stellt alle pädagogischen Grundregeln in meinem Hirn auf den Kopf. Mir war ja schon bewusst, dass wir daheim einen temperamentvollen Burschen haben, aber dass er mir emotional so viel abverlangt, hätte ich nicht erwartet. Nach einer Ewigkeit erwische ich einen guten Moment. Ich schreie direkt in sein Hirn „Schau mal ein Baaaaagggggeeer!!!“ Der Wahnsinn in seinem Blick erlischt nur für eine Millisekunde. Das reicht mir. Er ist angeschnallt. Wir heulen uns nach Hause. Wir heulen uns in den Fahrstuhl. Wir heulen uns in die Küche. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Ich sitze am Küchentisch und atme. Mehr geht gerade nicht. Und dann höre ich ein leises und zögerliches „Trecker spielen?“. Er ist wieder da. Mein Mucki. Bis zum nächsten Wahnsinn.

mASSGESCHNEIDERT

Panik! Pure Panik! So muss sich ne Jungfrau vor nem Pornodreh fühlen. Blankes Entsetzen! Egal, wie ich meine Rundungen vor dem Spiegel auch begradige, dieses Kleid passt nicht. Nicht mehr! Zwei Wochen meiner Lebenszeit habe ich geopfert, um den Reisverschluss ohne Verletzte zu schliessen. Und nun töte ich jemanden. Auch nicht besser. Ich töte zunächst den Reinigungsmitarbeiter und dann direkt mich. Ich esse gerade keine Kohlenhydrate. Ein Amoklauf ist also naheliegend. Dieses Kleid ist eingelaufen (für alle Verrückten! Wagt es nicht anderes zu behaupten)! Ich habe nur noch sechs Tage bis zur platzenden Blamage. Scheisse! Eine Alternative muss her. Schnell. Fett, frustriert und völlig hemmungslos schluchze ich mich durch 30 Kleider. Letzte Lösung: Zweiteiler! Wenn nichts mehr hilft, dann hilft ne künstliche Taille aus Gummizug. Ich könnte nun auch direkt 60 Jahre sein. Denn mehr Sexappeal gibt es in urinbeige auch nicht. Ich bin am Ende. Fast! Denn es ist erst Ende, wenn einer heult. Also geht meine Odyssee der kneifenden Hintern weiter. Ich lande in einer kleinen Boutique. Hoffnung steigt in mir auf, endlich hier das hüftgoldumschmeichelnde Stück Stoff zu sichern. Ich stürze mit der Meterware in die Kabine. Endlich mal Platz um die Plauze. Herrlich. Ein Lächeln wagt sich sogar wieder in meine Visage. ‚Entschuldigen Sie?!‘ spricht mich die knuffige Verkäufern vorm Spiegel an. ‚Haben Sie schon mal dran gedacht als Model zu arbeiten?‘ Nein, ich habe mich nicht verhört. ‚Bitte wie?!‘ stammle ich unsicher. Sie strahlt mich an ‚Wir haben regelmässig Modeschauen und suchen dafür Models. Das wäre bestimmt was für sie.‘ Ich will gerade anfangen laut zu lachen, da trifft allerdings die Erkenntnis in meinem Hirn ein: Übergrössen! Ich stehe in einem Laden für Übergrössen! Über und gross, was für eine bekackte Wortkombination. Ich heule trocken. Die Visitenkarte in der Tasche verlasse ich die Szene und steuere direkt zwei Freunde an: Kurz und Lang. Likör und Wein haben mich nie enttäuscht! Mit jedem Schluck wird es realer und ich besoffener: Was wäre, wenn ich die Twiggy der Dicken wäre!? Dann wäre ich ja irgendwie wieder dünn… Einschenken und weiterdenken!

sAUFEN

Ich besitze nicht viele Talente. Ich bin eher Anhänger flauschiger Mittelmässigkeit. Doch eines konnte ich immer richtig gut, fast schon zu gut: Saufen! Man könnte fast von einer Gabe sprechen. Zeig mir ein Getränk, ich dir die Leere im Glas! Ich war mein Held im ewigen TrinkLager! Und das ohne Wehmut. Die katerösen Schmerzen des Tages waren sogar harmlos, im Vergleich zu den verprosteten Taten der Nacht. Tja. Warum also „konnte“! Wie kann es sein, dass eine wahre Emslandperle nicht mehr Saufen kann? Was ist mit der heimatlichen Begabung geschehen? Ist sie weg?! Ich will das nicht akzeptieren! Und doch, meine morgendliche Inspektion der Fresse lässt kaum Hoffnung zu. Faltig ist hier nur noch der Schmetterling. Ich bin furchig wie ein gepflügtes Feld bei Dauerfrost. Die MagenKrämpfe erinnern an frühkindlichen Durchfall. Und der Mund wird nur zum stationären Stöhnen benutzt (vor Schmerzen! Nix anderes). Schade. Ein wenig traurig bin ich schon. Wie toll war es den schwedischen Austauschstudenten unter die Bierbank zu befördern, während die Gläser weiter klirrten – zumindest für mich! Oder die Abende am Brett, wenn Mann denkt, mich mit zwei Sekt hemmungslos zu trinken und leider 100€ in Wodka-Redbull investieren muss. Und ich mich dann noch als Fehlinvestition rausstellte. Na ja. Der Aktienkurs war auch meist nicht mehr stabil unterwegs. Da ist auch direkt der einzige Vorteil: die Abende werden günstiger! Eindeutig! Aber ist das ein denkwürdiges Highlight. Statt ‚boh hab ich gepoogt!‘ kommt dann ‚boh war das schön billig‘! Och nö! Vielleicht ist das auch eine normale körperliche Entwicklung ab 30. Und ich habs vercheckt. Vielleicht gehts ab 40 wieder bergauf mit dem FuselGen. Die Hoffnung steckt im Pinnchen. Prost!

rATGEBER

Da glaubt man doch tatsächlich, dass man derzeit relativ sorgenlos durch den Alltag hüpft. Bis man den Fehler macht und zu lange vor einer Zeitschriftenauslage abhängt. In Sekundenschnelle bin ich krank, fett, depressiv und ziemlich schlecht angezogen. Mein Blick streift den Knackarsch von Cover 1, wandert zum 40 Kilo in 5 Tagen Diätwunder, um dann beim Finanzreport von Cover 4 hängenzubleiben. Meine Rente ist nicht sicher! Kagge! Da steht das, Schwarz auf Neon. Ich versuche meine Gedanken neu zu ordnen und mit positivem Input zu befüttern. Aber die Schmuddelecke ist eindeutig bereits mit niederem Testosteron verseucht. Zu viele Gottfrieds in Feinkord. Ich entscheide mich für die Kochbücher! Die sind immer freundlich. Bunte zuckersüsse Cover und dennoch keine Kalorien. Oh, shit. Direkt neben Schokoträumen und französischer Brotkunst tapse ich in die depressive Ecke. Die Zeitschriften hier heissen zwar Happy und Emotion, doch drinnen sieht es düster aus. Keine Seite ohne esoterisches BlaBla! Wenn der Hirnlaie von ganzem Herzen helfen will, dann bitte nicht als Redakteur! Mach ne Praxis auf oder nen Zoo! Das nächste Regal meint es auch nicht besser. Ratgeber steht da in grossen Buchstaben über dem Haufen. Ein kunterbunter Haufen an Möglichkeiten. Wer willst du sein? Wann willst du sein? Und was kostet das? 17,95Euro für den genialen Tipp, mal mehr unter Leute zu gehen, wenn man sich allein fühlt. Wow! Bahnbrechend! Mein Ratgeber wird das Thema Aufstehen behandeln. Alle tun es, keiner mag es! Wie man von der Bettflucht loskommt. Ein Kapitel nenne ich ‚Tanz auf Kaltschaum‘! Hörrlich sinnlos